These vom Weiterbestand bis in die 1530er Jahre

Lange Zeit dominierte unter Historikern die Ansicht, dass das Poetenkolleg nur bis zur Erkrankung oder höchstens bis zum Tod von Celtis existierte, also insgesamt nur einige Jahre hindurch. Aber mehrere Indizien verweisen auf einen Fortbestand dieses Poetenkollegs über den Tod von Celtis hinaus. Wie erwähnt, gibt es Hinweise darauf, dass in Wien einige Lehrer für Fächer, die zum Poetenkolleg gehörten, fest besoldet waren, während diese Lehrer jedoch gleichzeitig kaum in den Akten der Artistenfakultät erwähnt wurden (was aber, insbesondere bei der Verteilung der den Lehrveranstaltungen entsprechenden Bücher, zu erwarten wäre).
In den Jahrzehnten nach 1500 zeigte sich an der Wiener Universität eine überraschende Entwicklung: Die Studentenzahlen nahmen zu, während die Zahl der akademischen Bakkalarsgraduierungen im Jahrzehnt 1510–20 um ein Viertel abnahm. Der Grund dafür könnte sein, dass ein Teil dieser Studenten am Poetenkolleg studierte, an dem es die traditionellen akademischen Grade nicht gab.
Für eine Weiterexistenz spricht auch ein 1512 in Wien veröffentlichtes Lobgedicht, das sich an Kaiser Maximilian I. wendet. Es trägt den Titel Panegyris und beschreibt die Studienfächer der vier Fakultäten der Universität Wien, beginnend mit den Fächern der Artistenfakultät über die Jurisprudenz bis zur Medizin. Vor der Theologie wird die Poesie und der dortige Studienabschluss einer Dichterkrönung eingeschoben, ein Hinweis auf das von Maximilian initiierte Poetenkolleg. Der Autor dieses Gedichtes, Adrian Wolfhard aus Siebenbürgen, studierte ab 1509 in Wien. Wenn er Kaiser Maximilian als Förderer von Wissenschaft und Literatur anerkennen will, indem er die an der Wiener Universität gelehrten Fächer beschreibt, dann hat er das Poetenkolleg in Wien wohl selbst kennengelernt (also in den Jahren 1509 bis 1512). Denn ein nach wenigen Jahren schon aufgelöstes, mittlerweile seit Jahren nicht mehr existierendes Kolleg hätte sich wohl nicht gut zum Lob Maximilians verwenden lassen.
Die 1520er Jahre führten an der Universität Wien zu einem besonders dramatischen Rückgang der Studentenzahlen. In dieser Zeit wird es wohl auch am Poetenkolleg entsprechend weniger Aktivität gegeben haben.
Unter dem Landesfürsten Ferdinand I. gab es mehrere Reformbestrebungen. Der Reformversuch des Jahres 1524 erwähnte das Poetenkolleg: „collegium pro poetica et oratoria“ – es sollte „in allen seinen Inhalten, Punkten und Artikeln bei Kräften bleiben“. Das klingt eher nach einem damals noch aktiven Poetenkolleg. Schließlich erscheinen im Reformgesetz vom 15. September 1537 die Fächer des Poetenkollegs bereits als Lehrkanzeln der Artistenfakultät.