Die Lehrer und ihre Fächer am Poetenkolleg

Von mehreren Lehrern ist bekannt, dass sie am Poetenkolleg tätig waren, von anderen ist dies nur vermutbar. Auch die Dauer der jeweiligen Lehrtätigkeit lässt sich oft nicht genau feststellen. Beim Versuch einer Rekonstruktion entsteht ein Gerüst von Namen und Jahreszahlen mit einigen – vielleicht durch zeitweise Vakanz von Lehrstühlen bedingten – Lücken.
Es gab also zwei Fachlekturen für Poetik (Dichtkunst) und Rhetorik (Beredsamkeit). Die ersten Professoren waren Celtis († 1508) für Poetik und Vincenz Lang († 1502) für Rhetorik. Ihre Nachfolger dürften Johannes Cuspinian († 1529) sowie Angelus Cospus gewesen sein. Joachim Vadian war Professor für Poetik, vielleicht nach seiner Dichterkrönung 1514; er verließ Wien im Jahr 1518. In diesem Jahr wurde Philipp Gundel sein Nachfolger.
Celtis hielt um 1504 eine Vorlesung über die Geografie des Ptolemäus, also ein eher zu den Naturwissenschaften gehörendes Gebiet. Dieses Werk erläuterte er unter Verwendung der drei Sprachen Griechisch, Latein und Deutsch. Die deutsche Sprache wurde damals im universitären Unterricht normalerweise nicht verwendet.
Daneben gab es die beiden Fachlekturen für mathematische Disziplinen, d.h. Mathematik und Anwendungsbereiche wie Astronomie und Kartografie. Die ersten Inhaber waren wohl Johannes Stabius († 1522) und Andreas Stiborius († 1515). Hier sind einige Angaben von Georg Tannstetter in seinem Rückblick auf die Wiener Mathematiker („Viri Mathematici“) aufschlussreich. Darin heißt es, dass Maximilian I. das Genie von Stabius und Stiborius bewunderte und daher ein neues Stipendium einführte, um dadurch öffentliche Vorlesungen in Astronomie und Mathematik in Wien zu ermöglichen. Außerdem ist zu lesen, dass Stiborius „viele Jahre öffentlich Mathematik unterrichtete“. Vielleicht konzentrierte sich Stiborius auf Mathematik, Stabius dagegen auf mathematische Anwendungen (etwa auf Kartografie). Aber das Wort „Mathematik“ wurde damals oft nicht im heutigen, engen Sinn gebraucht, sondern meinte oft auch die naturwissenschaftlichen Anwendungsbereiche.
Ursprünglich waren zwei mathematische Professuren für die Fakultät der Artes vorgesehen. Über diese zwei Lehrstühle gab es dann Auseinandersetzungen, vielleicht weil Celtis versuchte, sie für sein Poetenkolleg zu gewinnen. Jedenfalls ist in den Akten der Artes-Fakultät wenig davon zu bemerken, dass die vermuteten Inhaber dieser Lehrstühle dort über solche Themen unterrichteten. Darin liegt ein mögliches Indiz dafür, dass diese zwei Lehrstühle schließlich doch dem Poetenkolleg zugeordnet wurden. Jedenfalls dürfte es sich hier um die ersten mathematischen Fachprofessuren an einer Universität gehandelt haben.
Es ist unbekannt, wie lange Stabius und Stiborius ihre Lehrstühle innehatten. Über zwei spätere Lehrer berichtet Tannstetter Folgendes: In Bezug auf Johannes Fabricius sagt Tannstetter, dass er sein Kollege und ordentlicher Professor für die andere, die astronomische Vorlesung war, während Tannstetter selbst, aufgrund der Berufung durch Kaiser Maximilian I., den Lehrstuhl für mathematische Fächer innehatte. Das muss allerdings nicht bedeuten, dass Tannstetters Gebiet die Mathematik im engeren Sinne war, denn er war vor allem Astronom (und Astrologe), während die Mathematik im heutigen Sinn nur wenig Raum in seinen Publikationen einnahm, etwa in den für Studenten gedruckten Lehrbüchern. Fabricius war also Professor, aber wohl nicht mehr im Jahr 1514. Wahrscheinlich war auch Stephanus Rosinus aus Augsburg († nach 1533) Inhaber eines mathematischen Lehrstuhls. Georg Tannstetter war Inhaber ab ungefähr 1510 und blieb es bis Ende 1528. Sein Nachfolger war Johannes Vögelin († 1549). Andreas Perlach († 1551) war Inhaber eines Lehrstuhls nach 1514.
Solche Hinweise auf Inhaber von Lehrstühlen, die am Poetenkolleg eingerichtet wurden, sind ein Argument dafür, dass dieses Poetenkolleg den Tod von Celtis überdauerte.