Gründung und Eröffnung des Poetenkollegs

Durch die Initiative von Konrad Celtis kam es zur Gründung des Poetenkollegs als einer „Humanistenschule“. Der wahrscheinlich von Celtis selbst lateinisch formulierte Stiftbrief, der gleichzeitig als Gründungsurkunde anzusehen ist, wurde von Erzherzog Maximilian am 31. Oktober 1501 in Bozen unterzeichnet (zum Inhalt siehe unten den Anhang). Darin heißt es, dass die Gründung des Kollegs zur Erweiterung der Universität („pro … universitatis nostrae augmento“) gedacht ist und dieses somit ein Bestandteil der Universität sein soll, wobei keine klare Einordnung in die traditionellen universitären Strukturen erfolgt – es wird z. B. nicht gesagt, dass das Collegium eine eigene Fakultät darstellt, aber auch nicht, dass es einer bestimmten Fakultät zugeordnet wird. Es hatte also eine privilegierte Ausnahmestellung außerhalb der Fakultätsordnung. Dass dieses Kolleg der Universität zugeordnet wurde, ohne in die traditionellen Strukturen eingeordnet zu werden, erschwert das Erfassen des Typs dieser neuen Einrichtung. Verschiedene Vergleiche wurden für dieses Kolleg herangezogen: Hochschule (weil ziemlich selbständig neben den Abläufen der Universität), Fakultät (als fünfte Fakultät oder als werdende vierte obere Fakultät), (Senats-)Institut, Akademie, Magisterkolleg.
Der Stiftbrief erklärt weiter, dass das „collegium poetarum“ zur Wiederherstellung der in den früheren Jahrhunderten versunkenen antiken Eloquenz dienen soll. In diesem Stiftbrief und auf dem noch erhaltenen silbernen Siegelstempel findet sich der kürzere Name „Collegium poetarum“. Die seltenere Langform „Collegium poetarum et mathematicorum“ ist gelegentlich nachweisbar; sie bringt die Intentionen von Celtis treffend zum Ausdruck und entspricht auch der tatsächlichen Gestalt dieser Institution, denn es wurden vier besoldete Fachlekturen eingerichtet: für Poetik und Rhetorik („in poetica et oratoria“) sowie zwei weitere „für mathematische Fächer“ („in mathematicis disciplinis“).
Die Eröffnung des neuen Kollegs erfolgte am 1. Februar 1502. Vincenz Lang hielt eine Lobrede (mit dem Titel Panegyricus) auf Maximilian I., weil dieser das – hier mit dem Langnamen bezeichnete – „Collegium poetarum et mathematicorum“ in Wien gegründet hatte. Dabei erwähnt Lang die geplanten Inhalte: Der Dichter (lateinisch: „vates“) steht neben dem Redner (lateinisch: „orator“). Und der Mathematiker vermittelt das Werk von Euklid (damit ist vor allem an die Geometrie zu denken), Vitruv (für Architektur) und Ptolemäus (für Astronomie, vielleicht auch für Astrologie).
Unterrichtsräume sowie Wohnräume von Angehörigen des Poetenkollegs (also Lehrer und Studenten) dürften sich im Neubergerhof bei der Kapelle „St. Anna“ befunden haben, in der Nähe der Universität.
Celtis als Vorstand des Kollegs hatte das Recht der Dichterkrönung, der Verleihung des Grades eines poeta laureatus. Es ist aber unsicher, ob tatsächlich eine größere Anzahl von Absolventen zu Dichtern gekrönt wurde. Bekannt ist dies nur von Einzelnen: Stabius 1502 oder Thomas Resch (Velocianus) 1504. Jedenfalls verweist die Dichterkrönung als Studienabschluss – ebenso wie der häufige Gebrauch des kürzeren Namens „Collegium poetarum“ – auf den besonderen Stellenwert der sprachlichen Fächer an diesem Poetenkolleg. Das Mathematisch-Naturwissenschaftliche erscheint demgegenüber dann eher als Ergänzung zum poetisch-rhetorischen Kern des Kollegs.
Ein Einblattholzschnitt von Hans Burgkmair war wohl dazu gedacht, das Anliegen des Poetenkollegs zu verbreiten. Der Holzschnitt stellt die bei der feierlichen Dichterkrönung verwendeten Insignien des Poetenkollegs dar (siehe Abbildung).
Am Poetenkolleg studierten Söhne aus höheren sozialen Schichten: Ihre Eltern gehörten zum Adel, zum höheren Beamtentum sowie zum städtischen Patriziat. Einige Studenten waren bereits älter als ihre Lehrer.
Das Poetenkolleg ist zu unterscheiden von der Donaugesellschaft („Sodalitas litteraria Danubiana“), einer lockeren Vereinigung humanistischer Gelehrter. Sie war gleichfalls von Celtis initiiert, angeregt vielleicht durch die Accademia Romana des Julius Pomponius Laetus in Rom, die er auf seiner Italienreise kennengelernt hatte. Personell gab es enge Verbindungen zwischen dieser Sodalitas und dem Kolleg; für Lehrer und Studenten des Kollegs waren die eher informellen, wohl an Abenden stattfindenden Treffen im Rahmen der Sodalitas eine gute Ergänzung ihrer Bestrebungen.